Storyline
#1
DARK CLOUDS
   ❝on the brink of dawn❝

Winterstürme sind keine Seltenheit in North Carolina. So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich niemand über die massive Wolkenwand wunderte, die am frühen Vormittag des 25. Januars 2013 einen heraufziehenden Sturm ankündigten.  Bis Mittag verdunkelte sich der Himmel über Charlotte und zwei Tage lang peitschten die eisigen Winde abwechselnd Graupelschauer und Eisregen durch die Straßen der Stadt. Am zweiten Tag fiel für einige Stunden der Strom aus, weil einige Stromleitungen durch die Auflast von Blitzeis zusammenbrachen. Unangenehm. Aber nicht weiter tragisch, immerhin hatte man 10 Jahre zuvor den Hurricane Isabel überlebt. Und vor zwei  Jahren die überdurchschnittlich vielen Tornados. Die hartgesottenen hatten sich bereits vorher schon auf die Straße gequält, nach dem Ende des Sturms kamen auch alle anderen wieder hervor gekrochen. Schäden wurden repariert, man ging wieder seinem Tagesgeschäft nach, alles lief seinen gewohnten Gang.

Es dauerte eine Weile bis es den ersten Nachtschwärmern auffiel. Charlotte war im Gegensatz zu den umliegenden Städten, wie etwa Atlanta oder Washington D. C., nie eine auffällige kainitische Metropole gewesen.  Zwischen all den großen "Global Playern" waren die Intrigen und Machtspielchen der übernatürlichen Einwohner eher als Anekdote einer unbedeutenden Provinzmetropole abgetan worden. Der belächelte kleine Bruder, den man ganz putzig fand aber nicht wirklich ernst nahm. Das alles änderte sich mit einem Schlag als auch Wochen nach diesem eigentlich alltäglichen Wintersturm kein Kontakt aufgenommen werden konnte, keine Rückmeldung auf Anfragen jeder Art kam. Plötzlich war Unruhe in die umliegenden Städte gekommen, niemand hatte so etwas kommen sehen, niemand erwartet, niemand eine Erklärung. Zumindest niemand, der darüber sprach.

Während die Mächtigen reagierten und ihre Erkundungen einzogen - sei es über Blutmagie, Disziplinen, dem Einfordern von Gefallen oder ganz simpel dem Entsenden von Spähern - sprudelten die Gerüchte. Gehenna-Kulte und mancher Sabbat-Hardliner prophezeiten das Erwachen eines Uralten, die nächsten machten Amok laufende Werwölfe dafür verantwortlich, wiederum andere hielten ein fehlgeschlagenes magisches Ritual für am Wahrscheinlichsten und manch einer wappnete sich schon vor dem befürchteten Sabbat-Großangriff. Aber die Welt ging nicht unter. Keine Horden von Spatenschädeln fielen über das Umland her. Es kam noch nicht einmal zu nennenswert mehr Autounfällen. Nach monatelangem Suchen und Erkunden wusste man nur eines mit Gewissheit: Sämtliche Kainiten der Stadt waren spurlos verschwunden, ihre Machtbasen, Treffpunkte und Elysien verwaist, die Handlanger mit Ihren Meistern verschwunden.

Eine glaubhafte Erklärung konnte keiner liefern, im Grunde war nicht einmal gesichert ob es nun Spuren von Kämpfen oder Leichen gab. So viele unterschiedliche Berichte machten es unmöglich eine unumstößliche Wahrheit zu formulieren - abseits von einem "Man weiß es nicht". Manch aufgeschlossener Vampir witterte zu diesem Zeitpunkt bereits die Chance, die eine verwaiste Großstadt bot, bei den Meisten überwog jedoch Aberglaube und Furcht. Unwissenheit und Machtlosigkeit sind unangenehme Gefühle für die Unsterblichen.  Einzig die Tatsache, dass das Verschwinden so mancher geghoulter Börsenspekulanten, Immobilienmakler, Banker, Lokalpolitikern und ähnlichen Berufsgruppen kaum Beachtung fand, ja noch nicht einmal zu großartigen Verwerfungen in den alltäglichen Abläufen einer Stadt führte, zauberte manch einem ein Grinsen auf das Gesicht.

In Bälde nähert sich der fünfte Jahrestag jener schicksalhaften Zeit, die von jungen Kaininten mittlerweile als "Der Kahlschlag" bezeichnet wird. Von der einstigen Furcht und dem Aberglauben ist nicht mehr viel geblieben, auch wenn manche die Stadt noch als verflucht bezeichnen mögen. Während einzelne Glücksritter, Neugierige oder einfach nur seltsame Vögel bereits frühzeitig ihren Weg in die frei gewordene Domäne fanden, strecken mittlerweile auch die drei großen Sekten ihre Klauen nach dem Preis aus und haben ihre Handlanger entsandt. Ein buntes Potpourri aus allerlei unterschiedlicher Gestalten tummelt sich in der Stadt und versucht für sich oder seine Altvorderen ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Dazwischen machen einzelne Seelen, die immer noch nach Erklärungen oder ihre verschwundenen Bekannten suchen und der obligatorische Untergangsprophet, der einen zweiten Kahlschlag für unser aller Sünden propagiert das beginnende Chaos komplett.   

Doch für jeden einzelnen gilt: Wer wird zu dir stehen, wenn es hart auf hart kommt?


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